Gefangenenaustausch in Riehen

1795

Am 26. Dezember 1795 fand in Riehen und Basel ein Gefangenenaustausch zwischen Österreich und Frankreich statt: Prinzessin Marie-Thérèse Charlotte de Bourbon, Tochter des hingerichteten französischen Königpaars Ludwig XVI. und Marie-Antoinette, wurde gegen 20 französische Staatsgefangene ausgetauscht.

Vorgeschichte

Seit 1792 befand sich das revolutionäre Frankreich mit Österreich im Krieg (Erster Koalitionskrieg). Die Eidgenossenschaft hielt sich aus dem Konflikt heraus, war aber betroffen von den Kampfhandlungen in ihrer unmittelbaren Umgebung. Im Januar 1793 wurde der abgesetzte französische König Ludwig XVI. hingerichtet und neun Monate später auch seine Frau Marie-Antoinette.

Zwischen April und August 1795 schloss Frankreich in Basel mit Preussen, Spanien und Hessen-Kassel einen Separatfrieden. Parallel dazu wurden Verhandlungen mit Österreich über einen Gefangenenaustausch aufgenommen. Frankreich verlangte die Freilassung von 20 Staatsgefangenen, darunter fünf ehemalige Abgeordnete des Nationalkonvents und der frühere Kriegsminister Pierre Riel de Beurnonville. Im Gegenzug sollte Marie-Thérèse Charlotte, die einzige Überlebende des französischen Königshauses, freikommen. Österreich stimmte diesem Vorschlag des französischen Nationalkonvents zu, da die Prinzessin durch ihre Mutter eine Cousine des amtierenden Kaisers Franz II. war.

Die Verhandlungen wurden in Basel geführt. Auf Vorschlag des Basler Bürgermeisters Peter Burckhardt wurden Riehen und das Reber’sche Landgut vor dem St. Johanns-Tor als Übergabeorte bestimmt.

Der Austausch

Im November 1795 wurden die 20 zuvor in verschiedenen Gefängnissen inhaftierten Franzosen nach Freiburg im Breisgau überführt. Am 25. Dezember brachte man sie nach Eintreffen der Nachricht von der Ankunft der Prinzessin in Hüningen – eskortiert von einem Detachement österreichischer Soldaten – in mehreren Kutschen nach Riehen. Am folgenden Nachmittag traf der Konvoi vor der Landvogtei ein. Lukas Le Grand, Basler Landvogt in Riehen, übernahm die Gefangenen und liess ihre Identität und Anzahl durch den französischen Gesandtschaftssekretär Théobald Bacher kontrollieren.

Der Austausch sollte möglichst geheim vonstattengehen. Die Gefangenen wurden in der Landvogtei vorübergehend untergebracht und von österreichischen Soldaten bewacht; 24 Mann der Riehener Dorfmiliz sorgten vor dem Gebäude für Ordnung. Le Grand, der mit der Französischen Revolution sympathisierte, liess Zeitungen und Exemplare der neuen französischen Verfassung auflegen und bewirtete die Gefangenen gemeinsam mit drei Vertretern der Riehener Oberschicht, darunter der Rössliwirt Johannes Stump. Die Episode dokumentiert die Sympathien, die die revolutionären Ideen in Teilen der ländlichen Bevölkerung der Eidgenossenschaft fanden.

Währenddessen wurde Marie-Thérèse Charlotte von Hüningen auf Basler Gebiet ins Reber’sche Landgut gebracht. Dort stieg sie in eine der von Wien eingetroffenen Kutschen, um von dort weiter in die österreichische Hauptstadt zu fahren. Ursprünglich war geplant, Basel zu umfahren. Wegen des angeschwollenen Birsigs musste der Konvoi jedoch durch die Stadt fahren. Unter grosser Anteilnahme der Bevölkerung gelangte die Prinzessin über das Riehentor nach Wyhlen und damit auf österreichisches Gebiet. Von dort setzte sie ihre Reise über Rheinfelden und Laufenburg nach Wien fort.

Als in Riehen die Bestätigung ihrer Ankunft auf baslerischem Territorium eintraf, erklärte Landvogt Le Grand die 20 Gefangenen für frei. Sie reisten noch am gleichen Abend nach Basel weiter und wurden dort von Anhängern der Französischen Revolution begrüsst. Am 28. Dezember begaben sie sich auf die Reise nach Frankreich.

Rezeption

Der Gefangenenaustausch in Riehen und Basel erregte in Europa beträchtliches Aufsehen. Besonders das Schicksal der französischen Prinzessin wurde publizistisch und bildlich ausgeschlachtet. In Basel tauchte bereits einen Tag nach ihrer Durchreise ein kleines Porträt von ihr auf. Im Winter 1796 gab der Basler Kupferstecher und Verleger Christian von Mechel zwei Aquatinta-Radierungen heraus, welche die Ankunft Marie-Thérèse Charlotte beziehungsweise der Franzosen an den bestimmten Übergabeorten zeigen. Zur gleichen Zeit wurde in Basel überdies ein Almanach mit dem Titel ‹Les Adieux de Marie-Thérèse-Charlotte de Bourbon› gedruckt, der offenbar auch in Paris vertrieben wurde.

Die Episode fand Eingang in mehrere Überblicksdarstellungen zur Französischen Revolution und selbst in Universalhistorien, doch wird dort der Schauplatz Riehen selten namentlich genannt.

Autorin / Autor: Stefan Hess | Zuletzt aktualisiert am 6.10.2026

Jahrbuch z’Rieche

Literatur

Jahrbuch z’Rieche

Hess, Stefan: Austausch eines Engels gegen fünf Monster. In: Jahrbuch z’Rieche 2020. S. 76–85.

Raith, Michael: Johannes Stump und Samuel Wenk – zwei Riehener Politiker des beginnenden 19. Jahrhunderts. In: Jahrbuch z’Rieche 1971. S. 44–59, hier S. 50f.

Raith, Michael: Weibel Hans Jakob Schultheiss erinnert sich. In: Jahrbuch z’Rieche 1990. S. 44–49, hier S. 46–49.

Weitere Literatur

Bericht der Volksrepräsentanten Camus, Bancal, Quinette, Lamarque und Drouet über ihre, des Kriegsministers Beurnonville, und der Gesandten Semonville und Maret Gefangenschaft im Oestreichischen. Aus dem Französischen übersetzt nach der Ausgabe mit Anmerkungen. Frankfurt / Leipzig 1797.

Bourcart, Charles D.: William Wickham, britischer Gesandter in der Schweiz (1794–1797 und 1799), in seinen Beziehungen zu Basel. In: Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde 7 (1908). S. 1–78, hier S. 56–62.

Breunlich-Pawlik, Maria: Kriegsminister Beurnonville und vier Mitglieder des Nationalkonvents als Staatsgefangene in Österreich 1793–1795. In: Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 24 (1971). S. 371–399.

Burckhardt-Wild, Daniel: Tag=buch der Merckwürdigsten Vorfälle, welche sich seit dem Jahr 1789 in diesem für unsere Stadt BASEL unvergesslichen Zeiten zugetragen haben. Hg. von André Salvisberg. Basel 1997. S. 77f.

Iselin, Ludwig Emil: Geschichte des Dorfes Riehen. Festschrift zur Jubiläumsfeier der 400-jährigen Zugehörigkeit Riehens zu Basel 1522–1922. Basel 1923. S. 154.

Lutz, Markus: Neue Merkwürdigkeiten der Landschaft Basel, oder Fragmente zur Geschichte, Topographie, Statistik und Kultur dieses Schweizerischen Freystandes. Erste Abtheilung. Basel 1806. S. 324–326.

Ochs, Peter: Geschichte der Stadt und Landschaft Basel. Bd. 8. Basel 1822. S. 180f.

Tschamber, Karl: Geschichte der Stadt und ehemaligen Festung Hüningen von ihrer Entstehung bis in die neueste Zeit. St. Ludwig [Saint-Louis] 1894. S. 126–130.

Wüthrich, Lukas Heinrich: Das Œuvre des Kupferstechers Christian von Mechel. Basel/Stuttgart 1959. S. 35, Nr. 87; S. 40, Nr. 97.

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