Das Schuhmacherhandwerk ist in Riehen seit 1643 belegt. Es erlebte im 18. und 19. Jahrhundert seine Blüte. Ab dem späten 19. Jahrhundert verlor es jedoch trotz des starken Bevölkerungswachstums zunehmend an Bedeutung, da die industrielle Schuhproduktion immer wichtiger wurde. Im frühen 21. Jahrhundert verschwand das traditionelle Schuhmacherhandwerk schliesslich vollständig.
Der Familienname Schuhmacher ist in Riehen seit 1434 vereinzelt belegt. Das damit verbundene Handwerk lässt sich hier aber im Vergleich zu anderen ländlichen Gemeinden erst relativ spät nachweisen. Der erste bekannte Vertreter der Schuhmacherei in Riehen ist Michael Reutner aus Schopfheim, der 1643 das Riehener Bürgerrecht erwarb und in der heute verschwundenen Liegenschaft Baselstrasse 82 eine Werkstatt einrichtete.
Die Gründe für das späte Auftreten des Schuhmacherhandwerks in Riehen sind unklar. Möglicherweise trug die Dorfbevölkerung wie im nahen Elsass lange Zeit Holzschuhe. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass Bauern, die mit der Lederbearbeitung vertraut waren, einfache Lederschuhe selbst herstellten, während aufwendigeres Schuhwerk von umherziehenden Schuhmachern oder aus Basel bezogen wurde. Dort ist bereits 1363 erstmals ein Schuhmacher unter den Neubürgern bezeugt.
Angesichts der im Vergleich zu anderen Handwerken relativ geringen Anforderungen hinsichtlich Ausbildung und Kapital entwickelte sich das Schuhmacherhandwerk in der zweiten Hälfte des 17. und zu Beginn des 18. Jahrhunderts zu einem der zahlenmässig stärksten Handwerke Riehens. 1728 gab es im Dorf bereits zwölf Schuhmacher, darunter ein gelernter Sattler und ein Neubürger. Dazu kamen noch mindestens zwei weitere ausgebildete Schuhmacher, die ihren Beruf nicht mehr ausübten.
Der gegenüber der Gesamtbevölkerung überproportionale Anstieg von Vertretern dieses Handwerks führte in Riehen wie anderswo zu Abschliessungstendenzen. Bereits 1669, als Michael Reutner noch der einzige nachweisbare Schuhmacher in Riehen war, wandten sich die Geschworenen, damals die oberste Gemeindebehörde, gegen die Einbürgerung eines weiteren Schuhmachers. Sie begründeten das damit, dass es in der Gemeinde bereits genug Vertreter dieses Handwerks gebe. Auch 1728 wandten sich die inzwischen zu einer Art Innung zusammengeschlossenen Riehener Schuhmachermeister geschlossen gegen die Aufnahme eines weiteren Schuhmachers ins Gemeindebürgerrecht, obwohl dieser sein Handwerk in Riehen gelernt und eine Frau aus der Gemeinde geheiratet hatte.
Einzelne Schuhmacher in Riehen bezogen qualitativ hochwertiges Leder aus Basel und konnten damit auch anspruchsvollere Arbeiten ausführen, etwa für die wachsende Zahl von Stadtbaslern mit Landsitz in Riehen. Den Landmeistern war es jedoch strikte verboten, ihre Waren in Basel selbst anzubieten, doch gab es Schlupflöcher, dieses Verbot zu umgehen. Umgekehrt mussten sich die Riehener Schuhmacher gegen solche aus umliegenden badischen Gemeinden wehren, die in Riehen auf die Stör gingen.
In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts brachte die Basler Schuhmachernzunft das Handwerk auf der Landschaft zunehmend unter ihre Kontrolle. 1701 erliess sie eine Handwerksordnung für die Landmeister in den Vogteien Waldenburg, Farnsburg und Homburg. Eine 1702 erwähnte, heute verlorene Ordnung für die Vogtei Münchenstein dürfte auch für Riehen und Kleinhüningen gegolten haben. 1738 dehnte die Zunft ihre Oberhoheit auf die Schuhmacher des Amts Liestal aus. Sie übte damit auf der gesamten Landschaft die gewerbepolizeiliche Aufsicht aus, besiegelte Lehrbriefe, erteilte den Landmeistern gegen beträchtliche Gebühren die Berufszulassung.
Die Situation der Schuhmacherei in Riehen veränderte sich im 19. Jahrhundert zunächst kaum. Der Zugang zum städtischen Markt blieb den Riehener Schuhmachern weiterhin verwehrt, weshalb die meisten neben ihrem Handwerk noch einer weiteren Tätigkeit nachgingen. Einige waren in der Landwirtschaft tätig, andere arbeiteten als Wirte, Krämer oder Totengräber.
1874 wurde in der Schweiz mit der Revidierten Bundesverfassung die Handels- und Gewerbefreiheit eingeführt. Damit konnten die Schuhmacher in Riehen ihre Erzeugnisse auch in der Stadt absetzen oder sich dort als Störschuhmacher betätigen. Gleichzeitig sahen sie sich aber der letztlich übermächtigen Konkurrenz der industriellen Schuhfabrikation ausgesetzt, die seit der Mitte des 19. Jahrhunderts an Bedeutung gewann.
In der Folge verlagerte sich die Tätigkeit der Schuhmacher zunehmend von der Herstellung neuer Schuhe auf deren Reparatur. Zugleich nahm ihre Zahl trotz des starken Bevölkerungswachstums stetig ab. 1952 waren in Riehen noch fünf Schuhmacher tätig, 1980 waren es 1980 noch zwei und 2010 lediglich einer. Seither hat auch der letzte Schuhmacher in Riehen, José Antonio Pereira, seine Werkstatt an der Rössligasse 15 geschlossen. Geblieben ist ein Schuh- und Schlüsselservice an der Wettsteinstrasse 6, ein seit 1962 bestehender Schuhladen an der Schmiedgasse 6 und eine Schuhboutique an der Baselstrasse 17.
Autorin / Autor: Stefan Hess | Zuletzt aktualisiert am 1.10.2026
Hess, Stefan: Eine Einbürgerung mit Hindernissen. In: Jahrbuch z’Rieche 2013. S. 62–69.
Raith, Michael: Die Familie Löliger von Riehen. In: Jahrbuch z’Rieche 1978. S. 13–21, hier S. 13, 15.
Kaspar, Albin et al.: Häuser in Riehen und ihre Bewohner. Heft II. Riehen 2000. S. 29f., 34f., 54f., 57f., 78f.
Kaspar, Albin et al.: Häuser in Riehen und ihre Bewohner. Heft III. Riehen 2017. S. 42f., 95f., 179, 183.