Berthe Lebrecht-Mayer flüchtete 1939 vor den Judenverfolgungen im nationalsozialistischen Deutschland zuerst nach Frankreich und 1944 in die Schweiz. Nach einer Reihe von Aufenthalten in Lagern, Heimen und bei Privatpersonen verbrachte sie ihren Lebensabend ab 1948 im jüdischen Altersheim La Charmille in Riehen.
Tochter des Nathan Mayer (Fabrikbesitzer) und der Rosa geborene Mayer-Glauberg. Heirat 1902 mit Joseph Lebrecht (1869–1936). Zwei Söhne, zwei Töchter.
Berthe Mayer wuchs als Tochter eines Fabrikbesitzers in Hanau (Hessen) auf. Einen Beruf erlernte sie nicht. 1902 heiratete sie den Mainzer Tierarzt Joseph Lebrecht, mit dem sie zwei Söhne, Samuel und Benjamin, und zwei Töchter, Claire und Jeanette, hatte. Die Familie lebte in Mainz, wo ihr Mann Ende 1936 starb.
1939 flüchtete Lebrecht-Mayer wie auch ihre Kinder vor den Judenverfolgungen im nationalsozialistischen Deutschland zuerst nach Frankreich und 1944 weiter in die Schweiz. Während ihre Töchter den Terror überlebten, wurden die beiden Söhne in den Vernichtungslagern Auschwitz im besetzten Polen und Kaunas im heutigen Litauen ermordet.
Nach ihrer Flucht in die Schweiz lebte Lebrecht-Mayer in Internierungslagern und -heimen in Uitikon ZH und Böckten BL. Später war sie als sogenannte Privatinternierte in Hotels und Pensionen der entfernt verwandten Familie Kahn in Grindelwald und Basel untergebracht.
Aufgrund der eidgenössischen Maxime, Geflüchtete zur Weiterreise anzuhalten, plante Lebrecht-Mayer mit 70 Jahren, nach Palästina auszuwandern. Von diesem Plan verabschiedete sie sich aber endgültig, als sie 1947 in der Schweiz den neu geschaffenen Dauerasyl-Status erhielt. Damit war ihr ein dauerhaftes Verbleiben in der Schweiz möglich. 1948 zog sie so ins neu eröffnete jüdische Altersheim La Charmille in Riehen. In den ersten Jahrzehnten dieser Institution lebten hier viele ältere Menschen, die in der Schweiz einen Dauerasylstatus erhalten hatten.
Lebrecht-Mayer besass selbst kein Vermögen mehr, mit dem sie die Heimkosten in Riehen hätte finanzieren können. Auch ihre Verwandten waren nicht in der Lage, für die Kosten aufzukommen. Nach der damals gängigen Praxis wurden diese zu je einem Drittel vom Bund, vom Kanton und vom Verband Schweizerischer Jüdischer Flüchtlingshilfen / Fürsorgen (VSJF) übernommen. Bis zu ihrem Lebensende mussten die Kostengutsprachen jährlich neu geprüft und bestätigt werden.
1952 erhielt Lebrecht-Mayer die deutsche Staatsbürgerschaft zurück, die sie 1939 mit der Flucht aus Deutschland verloren hatte. Eine deutsche Witwen- und Mutterrente musste sie jedoch in den 1950er-Jahren ablehnen, da sie andernfalls ihren Status als Dauerasylberechtigte verloren hätte. Die archivierte Korrespondenz zeugt vom Misstrauen der Behörden und vom beharrlichen Kampf Lebrecht-Mayers für ihre Selbstbestimmung. Noch im Alter von über 80 Jahren schrieb sie an die eidgenössische Polizeiabteilung: «Glauben Sie mir, es kostet Herzblut, sein Recht zu erkämpfen.»
Bis zu ihrem Tod behielt Berthe Lebrecht-Mayer den unsicheren Status des Dauerasyls. Am 3. August 1961 starb sie im jüdischen Altersheim La Charmille in Riehen.
Autorin / Autor: Silvio Benz | Zuletzt aktualisiert am 14.10.2026
Schweizerisches Bundesarchiv, Eidgenössische Polizeiabteilung, Lebrecht-Meyer, Bertha, E4264#1985/197#777*.
Staatsarchiv Basel-Stadt, PD-REG 3a 5228: Personen- und Sachdossiers der Fremdenpolizei, Lebrecht-Meyer, Berthe.
Stadtarchiv Mainz, Geburts-, Heirats- und Sterberegister der Stadt Mainz und Vororte.
Benz, Silvio: «Es kostet Herzblut, sein Recht zu erkämpfen». Die Geschichte der Berthe Lebrecht-Mayer. In: ders. et al. (Hg.): Schabbes, Schnitzel, Mehrbettzimmer. Leben im jüdischen Altersheim La Charmille in Riehen (1947–2002). Basel 2005. S. 56–60.